Der Hund, der jeden Jogger hasste — und wie ich herausfand, warum
Es gibt Hunde, die machen dir das Leben leicht. Die laufen neben dir her, schauen dich ab und zu an, fressen ihr Futter und schlafen den Rest des Tages. Und dann gibt es Theo.
Theo ist ein dreijähriger Schäferhund-Mix. Ungefähr 28 Kilo, dunkelbraun mit schwarzem Sattel, Ohren die sich nie ganz entscheiden konnten ob sie oben oder zur Seite stehen wollen. Auf den ersten Blick ein absolut normaler Hund. Entspannt sogar. Bis ein Jogger ins Bild kommt.
Ich betreue Theo jetzt seit fast vier Monaten, zweimal die Woche. Die ersten Wochen dachte ich noch, es liegt an mir. Falsche Leinenführung, falscher Zeitpunkt, vielleicht der falsche Park. Aber egal was ich ausprobiert habe — sobald irgendwo in 50 Metern Entfernung jemand anfing zu laufen, hat Theo aufgehört ein entspannter Hund zu sein. Bellen, Zerren, der ganze Körper angespannt wie eine Sprungfeder. Einmal hat er mich fast umgerissen. Das war kein Spaß.
Seine Besitzerin Sandra hat mir beim ersten Treffen noch gesagt: „Ach der bellt manchmal ein bisschen, aber das gibt sich." Gibt sich. Ja, klar.
Ich hab dann angefangen systematisch zu schauen, wann genau es losgeht. Nicht jeder Mensch löst das aus. Radfahrer? Kein Problem. Kinderwagen? Völlig egal. Leute die schnell gehen? Manchmal ein leises Grummeln, aber nichts Wildes. Aber sobald jemand wirklich joggt — diese typische federnde Bewegung, die Arme die schwingen — da dreht Theo durch.
An einem Dienstagmorgen Anfang April, kurz nach halb acht, hatte ich dann so einen Moment. Wir standen am Rand des Stadtparks, Theo saß neben mir und war eigentlich total ruhig. Ein älterer Mann kam auf dem Weg auf uns zu, normales Schritttempo. Theo: entspannt. Dann — keine zehn Meter vor uns — fängt der Mann plötzlich an zu joggen, weil er die Ampel noch schaffen wollte. Und Theo: sofort Alarm.
Ich hab in dem Moment auf Theos Körper geschaut statt auf den Mann. Und da hab ich es gesehen. Es war nicht Aggression. Es war Panik. Die Ohren lagen flach, die Rute eingeklemmt, der Blick fast... gehetzt. Theo hatte Angst. Echte Angst.
Das hat mich beschäftigt die ganze Fahrt nach Hause. Ich hab Sandra abends noch geschrieben und gefragt ob Theo irgendwann mal eine schlechte Erfahrung mit jemandem gemacht hat der gelaufen ist. Ihre Antwort kam nach einer halben Stunde: „Oh Gott, das hab ich total vergessen. Als Welpe ist er mal auf der Straße von einem Jogger angerannt worden. Der hat ihn nicht gesehen und ist einfach drüber gestolpert. Theo hat tierisch gebrüllt, ich dachte er ist verletzt."
Da war es.
Theo verbindet die Bewegung von Joggern mit diesem einen Schreckenserlebnis. Seit er neun Wochen alt ist wahrscheinlich. Und weil das niemand ernst genug genommen hat, weil es „nur ein bisschen bellen" war, ist aus einer Welpenerinnerung eine handfeste Phobie geworden.
Was mache ich jetzt anders? Ich arbeite mit Abstand. Nicht „schau mal ein Jogger, stell dich nicht so an" — sondern wirklich: Abstand schaffen, bevor Theo ins Stressfeld kommt. 80 Meter, manchmal 100. Wir setzen uns auf eine Bank, Theo bekommt ein Leckerli, der Jogger läuft vorbei, nichts passiert. Wieder ein Leckerli. Und langsam — ganz langsam — lernt Theo dass Jogger keine Bedrohung sind.
Nach drei Wochen konnte ich zum ersten Mal mit ihm an einem Jogger vorbeigehen ohne dass er ausgerastet ist. Er hat geguckt, er hat sich angespannt, aber er hat mich angeschaut und ist weitergelaufen. Ich hab ihm so ein großes Stück Fleischwurst gegeben wie noch nie.
Das klingt vielleicht nach wenig. Aber für Theo war das riesig.
Was ich dabei gelernt habe: Fast jedes „grundlose" Problemverhalten hat einen Grund. Man muss nur genau genug hinschauen. Und manchmal muss man auch einfach die richtige Frage stellen — in diesem Fall an die Besitzerin, die die Antwort längst wusste und sie nur vergessen hatte.
Wenn du merkst, dass dein Hund auf bestimmte Situationen oder Reize immer gleich reagiert, lohnt es sich wirklich mal tiefer zu graben. Was ist das erste Mal passiert? Wie alt war der Hund? Solche Informationen können alles verändern.
Ich nutze für die Trainingsarbeit mit Hunden wie Theo übrigens schon länger die Materialien und Kurse auf rudelchef.de — da gibt es unter anderem gute Grundlagen zum Thema Desensibilisierung und Gegenkonditionierung, die mir wirklich geholfen haben zu verstehen was ich da eigentlich tue: **rudelchef.de**
Habt ihr auch einen Hund der auf etwas Bestimmtes überreagiert? Ich bin gespannt was euch einfällt — schreibt es in die Kommentare. Manchmal steckt da eine Geschichte dahinter die man einfach nicht vermutet hätte. 🐾