Der Hund, der bei jedem Gewitter komplett ausgerastet ist — und was ein alter Trick alles verändert hat
Es war so ein typischer Aprilnachmittag, der harmlos anfängt und dann plötzlich kippt.
Samson kam gegen 14 Uhr zu mir. Sein Besitzer — ein netter Typ, immer pünktlich, immer mit einem frischen Beutel Leckerlis dabei — hat beim Abgeben noch schnell erwähnt: "Er mag keine Gewitter. Aber heute soll ja eigentlich keins kommen."
Ich hab genickt, Samson am Halsband genommen, und schon war sein Besitzer weg.
Zwei Stunden später wusste ich, was "mag keine Gewitter" bei einem Rhodesian Ridgeback bedeutet.
Samson ist ein imposanter Hund. 45 Kilo, breit gebaut, sieht aus wie ein Hund, der eigentlich Löwen jagt. Was er auch tut — bzw. was seine Vorfahren getan haben. Aber gegen einen Donnerschlag aus dem Nichts hat auch der mutigste Ridgeback keine Chance.
Das erste Grollen kam gegen halb vier. Ich hab's kaum gehört, weil ich in der Küche stand und Kaffee gemacht hab. Samson hat's gehört. Mit großer Sicherheit schon mehrere Minuten vorher, bevor das Gewitter überhaupt zu sehen war.
Als ich ins Wohnzimmer kam, stand er mitten im Raum und zitterte. Nicht leicht. Richtig — so ein tiefes, unkontrolliertes Zittern, das vom Hintern bis zu den Ohren ging. Dabei hat er mich angeschaut mit diesem Blick... den kennt ihr sicher. Dieser "Bitte mach das weg"-Blick.
Ich hab instinktiv gemacht, was ich immer mache. Mich zu ihm gesetzt, ihn gestreichelt, beruhigend auf ihn eingeredet. "Alles gut, Samson, ist nur ein Gewitter, das geht vorbei."
Was ich dabei nicht bedacht habe: Damit hab ich genau das falsche Signal gegeben.
Denn für Samson bedeutete mein Mitgefühl nicht "alles ist sicher". Es bedeutete: "Ja, du hast recht, das hier ist bedrohlich, pass auf dich auf." Hunde lesen unsere Energie wie ein Buch. Und meine Energie hat in diesem Moment geschrien: Ich mach mir Sorgen.
Das nächste Grollen kam stärker. Samson hat angefangen zu hecheln, zu jammern, wollte hinter die Couch. Ich hab versucht ihn rauszulocken, was natürlich nicht funktioniert hat. Er ist dort reingequetscht — 45 Kilo Ridgeback hinter einem Zweisitzer-Sofa, das einfach nicht für 45 Kilo Ridgeback ausgelegt ist.
An dem Punkt hab ich kurz überlegt, ob ich seinen Besitzer anrufen soll. Hab's nicht gemacht. Stattdessen hab ich mich auf den Boden gesetzt, neben die Couch, und einfach... nichts getan.
Ich hab aufgehört ihn zu berühren. Hab aufgehört zu reden. Hab mein Handy rausgeholt und angefangen, so zu tun als wäre das alles total normal. Ab und zu ein kurzer, entspannter Blick zu ihm — aber kein Mitleid, kein Aufruhr.
Nach vielleicht zehn Minuten hat Samson angefangen, sich leicht zu beruhigen.
Nicht komplett. Das Zittern war noch da. Aber das Hecheln wurde weniger. Er hat begonnen, mich zu beobachten — nicht mehr mit Panik im Blick, sondern mit echter Aufmerksamkeit. Als würde er fragen: "Warum bist du so ruhig?"
Genau das ist der Punkt.
Hunde suchen in Stresssituationen Orientierung bei uns. Wenn wir in Panik verfallen — oder auch nur in übertriebenes Mitgefühl — dann ist das für den Hund eine Bestätigung, dass tatsächlich Gefahr besteht. Ruhige, neutrale Energie ist das Gegenteil davon. Keine Kälte, kein Ignorieren. Einfach: Ich bin hier, mir geht's gut, du kannst auch entspannen.
Ich hab das schon mal gelesen, irgendwo in einem Online-Kurs den ich vor ein paar Monaten angefangen hab. Ehrlich gesagt hab ich das damals halb abgehakt als "klingt logisch, probier ich mal". Aber erst wenn du wirklich vor einem zitternden 45-Kilo-Hund sitzt, merkst du wie schwer das tatsächlich umzusetzen ist.
Das Gewitter hat noch eine gute Stunde gedauert. Samson ist irgendwann neben mir auf dem Boden eingeschlafen. Nicht tief, ein Halbschlaf mit einem Ohr immer noch auf dem Donnern gerichtet. Aber er hat geschlafen.
Sein Besitzer war abends erstaunt. "Er schläft? Er schläft normalerweise nach einem Gewitter tagelang nicht richtig."
Ich hab erklärt was ich gemacht — oder eben nicht gemacht — habe. Er hat genickt, ein bisschen skeptisch, aber auch ein bisschen hoffnungsvoll.
Was ich seit diesem Tag weiß: Die beste Hilfe ist manchmal das Zurückhalten von Hilfe. Nicht weil man dem Hund egal ist. Sondern weil man ihm echtes Vertrauen schenkt. Das Vertrauen, dass er das übersteht. Das kommt nämlich auch an.
Wenn ihr öfter mit ängstlichen Hunden zu tun habt — oder selbst einen habt, der bei Gewitter durchdreht — dann lohnt sich ein Blick in die Trainingsmodule auf rudelchef.de. Da gibt es einen ganzen Abschnitt zu Angstverhalten und wie man als Bezugsperson wirklich helfen kann, ohne es unbewusst zu verstärken. Hat mir persönlich echt die Augen geöffnet.
Habt ihr einen Hund der bei Gewitter ausrastet? Was habt ihr bisher ausprobiert?