Drei Stunden im Regen mit einem Hund, der partout nicht nach Hause wollte
Es war ein ganz normaler Dienstagmorgen. Grauer Himmel, leichter Nieselregen, die Sorte Wetter, bei der man eigentlich nicht mal den Briefkasten aufmachen will. Aber ich bin Hundebetreuer. Regen ist kein Argument.
Mia kam um halb neun zu mir. Vier Jahre alt, Malinois-Mix, Augen wie ein Laser. Ihre Besitzerin Sabine hatte sie abgegeben wie immer — kurze Übergabe, Mia zieht sofort an der Leine, will los. Kein Problem, kenn ich.
Wir sind dann raus zum großen Park hier bei uns. Mia kennt den Weg. Nach etwa zwanzig Minuten ließ ich sie von der Leine, wie immer. Sie tobt ein bisschen, schaut sich um, kommt auf Ruf zurück. Alles bestens.
Bis der Regen stärker wurde.
Ich rief Mia zu mir, wollte die Leine wieder dran machen und langsam Richtung Heimweg starten. Mia schaute mich an. Direkt. Ohne zu blinzeln. Und drehte sich dann einfach um und trabte in die andere Richtung.
Okay, dachte ich. Passiert. Ich hinterher.
Ich rief nochmal. Mia blieb stehen, schaute über die Schulter — ich schwöre, dieser Blick war absichtlich — und lief weiter.
Was dann folgte, waren ungefähr zwanzig Minuten, in denen ich versucht habe, einen mittelgroßen Hund mit meiner besten „ich bin völlig entspannt"-Körpersprache einzufangen. Lockruf. Leckerli raus. Knie auf den Boden. Alles. Mia ließ mich bis auf etwa drei Meter ran und verzog sich dann wieder.
Der Regen wurde währenddessen nicht weniger.
Ich muss an diesem Punkt ehrlich sein: Ich hab kurz innerlich geflucht. Laut, auf Hochdeutsch, alle Vokabeln.
Aber dann hab ich mich hingesetzt. Auf eine nasse Parkbank. Im April. Im Regen. Und einfach aufgehört, sie zu jagen.
Das ist eigentlich das Erste, was man lernt, wenn man mit Hunden arbeitet: Nachlaufen macht es schlimmer. Trotzdem vergisst man das in dem Moment komplett, weil man Stress hat und die Uhr tickt und man irgendwo trocken sein möchte.
Mia beobachtete mich von etwa fünfzehn Metern Entfernung.
Ich saß. Schaute weg. Tat so, als wäre ich gerade besonders interessiert an einem Busch links von mir.
Nach etwa vier Minuten — ich hab auf die Uhr geschaut, es fühlte sich länger an — spürte ich eine feuchte Schnauze an meinem Ohr.
Mia hatte sich von hinten angeschlichen und schnüffelte an meinem Kopf.
Ich drehte mich langsam um, ließ sie schnüffeln, kratzte sie kurz hinterm Ohr. Keine Hektik. Leine dran — und sie ließ es einfach zu.
Wir sind dann noch fast zwei weitere Stunden draußen geblieben. Nicht weil ich das so geplant hatte, sondern weil ich gemerkt habe: Mia wollte gar nicht nach Hause. Sie wollte mehr. Mehr Bewegung, mehr Reize, mehr von diesem verregneten Park.
Malinois-Mischling. Hätte ich früher dran denken sollen.
Diese Hunde haben einen Energiebedarf, der sich für normale Sterbliche ungefähr so anfühlt wie ein Vollzeitjob. Sabine hatte mir vorher gesagt, Mia sei „manchmal etwas lebhaft". Das war ungefähr so präzise wie „der Ozean ist manchmal etwas feucht".
Was ich an diesem Morgen wirklich gelernt habe — und ich mein das ernst, nicht als Floskel — ist folgendes: Viele Hunde, die nicht gehorchen, haben kein Gehorsamkeitsproblem. Die haben ein Auslastungsproblem. Mia hat mich nicht absichtlich ignoriert, weil sie böse war. Sie war schlicht und einfach noch nicht fertig.
Als ich Sabine am Nachmittag davon erzählte, wurde sie erst rot und dann sehr nachdenklich.
„Sie ist in letzter Zeit abends auch so unruhig", sagte sie.
Wir haben dann zusammen geschaut, was sich verändern lässt. Nicht mehr Spaziergänge unbedingt, sondern andere. Nasenarbeit. Suchspiele. Denkaufgaben, die Mia wirklich fordern.
Ich hab Sabine damals ein Programm empfohlen, das ich selbst schon länger verfolge — es geht nicht um Drill oder Unterwerfung, sondern darum, den Hund als Individuum