Der Hund, der sich nicht anfassen ließ — und mir gezeigt hat, wie viel Geduld ich wirklich habe

23. April 2026 · Rudelchef
Der Hund, der sich nicht anfassen ließ — und mir gezeigt hat, wie viel Geduld ich wirklich habe
Foto: chepté cormani / Pexels

Es war ein Dienstagmorgen Anfang April. Draußen dieser typische Wettermix, bei dem man morgens nicht weiß, ob man die Regenjacke braucht oder nicht. Ich hatte gerade meinen Kaffee aufgesetzt, als die Nachricht kam: „Sie ist ein bisschen schüchtern. Aber eigentlich ganz lieb."

Ja. Klar.

Cleo kam mit ihrer Besitzerin Sabine um halb neun. Eine vierjährige Vizsla, dieses warme Rotsatinbraun, elegant gebaut, lange Ohren. Auf den ersten Blick hätte man sie für ruhig gehalten. Fast majestätisch.

Aber sobald Sabine sich verabschiedet hatte und die Tür hinter ihr zugefallen war, ist Cleo einfach... verschwunden. Nicht wirklich, sie stand noch im Flur. Aber sie hat sich so klein gemacht, wie ein Hund ihrer Größe nur kann. Rücken an die Wand, Blick auf die Tür, Ohren flach angelegt.

Ich hab erstmal Abstand gehalten. Okay, dachte ich, sie braucht einen Moment.

Ich hab mich auf den Boden gesetzt, ein Stück von ihr entfernt, und einfach nichts gemacht. Kein Locken, kein Schmatzen, kein „Komm, komm, komm" mit gespreizten Knien. Einfach da sitzen und so tun, als wäre das völlig normal, dass man alleine auf dem Flurboden hockt.

Nach vielleicht zehn Minuten hat sie die Nase kurz in meine Richtung gereckt. Dann wieder weggeschaut.

Fortschritt.

Ich bin irgendwann in die Küche gegangen, Kaffee geholt, mich auf die Couch gesetzt. Hab ein Buch aufgemacht, das ich eigentlich gar nicht lesen wollte, und einfach gewartet. Cleo ist mir langsam gefolgt. Nicht zu mir, wohlgemerkt. Aber in denselben Raum. Sie hat sich unter den Esstisch gelegt, von wo aus sie mich beobachten konnte, ohne zu nah dran zu sein.

Ich hab sie in Ruhe gelassen.

Was ich in dem Moment noch nicht wusste: Das würde der ganze Vormittag werden.

Ich hab ein-, zweimal versucht, ihr Leckerli hinzulegen. Nicht aus der Hand, einfach auf den Boden, neutral, ohne Erwartung. Sie hat gewartet, bis ich mich umgedreht hatte, und dann das Leckerli genommen. Als hätte sie eine unsichtbare Regel: Du siehst mir nicht dabei zu.

Beim ersten Spaziergang war sie an der Leine okay, aber sobald ich stehengeblieben bin und mich zu ihr runtergebeugt habe, ist sie zurückgewichen. Keine Aggression, kein Knurren. Einfach ein klares „Bitte nicht."

Ich hab es respektiert.

Und dann, so gegen halb drei nachmittags, ist passiert, was ich ehrlich gesagt nicht mehr erwartet hatte an diesem Tag. Ich saß wieder auf der Couch, Buch lag neben mir, ich hab einfach so aus dem Fenster geschaut. Und plötzlich hab ich gespürt, wie sich etwas an meine Seite lehnt. Ganz vorsichtig, fast zögerlich.

Cleo.

Nicht aufgesprungen, nicht aufgeregt. Einfach angelehnt. Ihr Kopf gegen meinen Oberschenkel.

Ich hab mich nicht bewegt. Nicht mal die Hand ausgestreckt. Einfach sitzen lassen, atmen, sein.

Nach ein paar Minuten hab ich ganz langsam, ganz bewusst, die Hand auf ihren Rücken gelegt. Sie hat kurz die Muskulatur angespannt. Dann losgelassen.

Das war der Moment.

Was mich das gelehrt hat: Ich bin es gewohnt, auf Hunde zuzugehen. Ich bin derjenige, der die Initiative ergreift, der einlädt, der zeigt „Hey, ich bin harmlos, komm her." Und das funktioniert bei den meisten Hunden auch prima. Aber bei Cleo hat genau das nicht funktioniert. Jede meiner Gesten, so freundlich sie gemeint war, hat sich für sie angefühlt wie Druck.

Der Trick war nicht, besser darin zu werden, sie zu überzeugen. Der Trick war aufzuhören, sie überzeugen zu wollen.

Klingt simpel. Ist es nicht. Weil man dabei mit sich selbst kämpft. Mit dem Impuls zu helfen, zu beruhigen, aktiv zu sein. Geduld ist keine passive Sache, das hab ich an diesem Dienstag wirklich gespürt. Geduld ist eine Entscheidung, die man immer wieder neu treffen muss.

Am Abend hat Cleo neben mir auf der Couch geschlafen. Sabine war übrigens ziemlich sprachlos, als ich ihr das Foto geschickt hab.

„Das macht sie bei uns zuhause nie", hat sie geschrieben.

Manchmal brauchen sie nur jemanden, der wartet.

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