Der Hund, der nur rückwärts laufen wollte — was Greta mir über Geduld beigebracht hat
Es gibt Tage als Hundebetreuer, da denkst du: ich hab schon alles gesehen. Und dann kommt Greta.
Greta ist drei Jahre alt, eine Weimaraner-Hündin mit diesem typischen silbergrauen Fell und Augen, die aussehen als würden sie dich permanent fragen: "Bist du sicher, dass du weißt, was du tust?" Spoiler: An diesem Morgen wusste ich es nicht.
Ihre Besitzerin hatte mich vorgewarnt, dass Greta "ein bisschen eigenwillig" ist. Das höre ich öfter. Meistens bedeutet das, der Hund zieht ein bisschen an der Leine oder will lieber schnüffeln als laufen. Kein großes Ding. Ich hab mir nichts dabei gedacht.
Wir sind also losgegangen. Ich, Greta, strahlender Aprilmorgen, alles wunderbar. Für ungefähr dreißig Sekunden.
Dann hat Greta gebremst. Nicht angehalten — gebremst. Und angefangen, rückwärts zu laufen.
Ich meine das wörtlich. Sie hat sich umgedreht, die Leine ist straff geworden, und Greta ist einfach... rückwärts gegangen. Langsam, methodisch, mit einer Würde, die ich in diesem Moment aufrichtig bewundert habe. Als wäre das das Normalste der Welt.
Ich hab erst gelacht. Dann hab ich versucht, sie sanft in die andere Richtung zu bewegen. Dann hab ich mich gebückt, bin auf ihre Höhe gegangen, hab geredet, hab gelockt. Nichts. Greta wollte rückwärts.
Nach etwa zehn Minuten — und ich schätze, wir haben dabei insgesamt vielleicht acht Meter zurückgelegt — hab ich aufgegeben und bin einfach stehengeblieben. Mitten auf dem Feldweg, Greta neben mir, beide irgendwie ratlos.
Und dann hab ich angefangen, wirklich hinzuschauen.
Greta zitterte nicht. Sie war nicht ängstlich, nicht aggressiv, nicht erschöpft. Sie hat mich angeschaut, wieder nach hinten geschaut, wieder mich angeschaut. Und plötzlich ist es mir aufgegangen: Sie wollte mir etwas zeigen.
Ich bin ihr gefolgt. Rückwärts. Also vorwärts, in die Richtung, in die sie wollte. Ungefähr fünfzig Meter den Weg zurück, eine kleine Kurve, runter in Richtung eines Grabens — und da lag ein junges Reh. Klein, erschöpft, offensichtlich nicht in der Lage aufzustehen.
Ich hab in dem Moment einfach nur dagestanden und Greta angeschaut.
Sie hat gewedelt. Einmal. Kurz. Dann hat sie sich hingesetzt und gewartet, als wäre ihr Job jetzt erledigt.
Ich hab den örtlichen Wildtierschutz angerufen, die waren innerhalb von zwanzig Minuten da. Das Reh war dehydriert, aber nicht schwer verletzt — sie haben gute Chancen gegeben. Greta hat die ganze Zeit ruhig dabeigesessen. Kein Jagen, kein Hetzen, einfach... da sein.
Was mich das gelehrt hat? Erstens, dass "eigenwillig" manchmal einfach "schlauer als du" bedeutet. Zweitens, und das ist der Teil, der mich wirklich beschäftigt hat: Ich hätte Greta zwingen können weiterzulaufen. Hätte ich konsequenter an der Leine gezogen, wäre sie wahrscheinlich mitgekommen. Wir hätten das Reh nie gefunden.
Wie oft machen wir das mit unseren Hunden? Wir interpretieren ihr Verhalten durch unsere eigene Brille, durch unsere Agenda für den Tag, durch das, was wir für "richtiges Verhalten" halten — und übersehen dabei, was sie uns eigentlich sagen wollen.
Seitdem geh ich anders spazieren. Nicht jede Eigenheit ist ein Trainingsproblem. Manchmal ist es einfach Kommunikation in einer Sprache, die ich noch lernen muss.
Greta hat mir an diesem Morgen keine Gehorsamkeitsstunde erteilt. Sie hat mir eine in Geduld erteilt.
Wenn du auch manchmal das Gefühl hast, deinen Hund nicht ganz zu verstehen — nicht nur bei wilden Sachen wie bei Greta, sondern auch bei alltäglichem Verhalten wie Fressen, Schlafen, Reagieren auf andere Hunde — dann schau mal bei [rudelchef.de](https://rudelchef.de) rein. Da findest du echte Erklärungen, keine Theorieblöcke. Hat mir selbst schon mehr als einmal geholfen, die Puzzlestücke zusammenzusetzen. 🐾