Der Hund, der nachts nicht schlafen konnte — und was er mir über meine eigene Unruhe verraten hat
Es war kurz nach zwei Uhr morgens. Ich lag auf meiner Matratze, Augen offen, Decke bis zum Kinn gezogen — und hörte zum dritten Mal an diesem Abend, wie Romy im Flur auf- und abging.
Klack. Klack. Klack.
Ihre Krallen auf dem Parkett. Immer dieselbe Strecke. Vom Wohnzimmer bis zur Schlafzimmertür. Zurück. Nochmal.
Ich hab kurz überlegt, ob ich aufstehe. Dann hab ich gedacht: nö, die beruhigt sich schon. Das dachte ich in der ersten Nacht. Und in der zweiten. Und in der dritten.
In der vierten Nacht hab ich mich dann doch aufgesetzt.
Romy kam zu mir. Vielseitige, graue Hündin, drei Jahre alt, der glatthaarige Typ mit diesem unglaublich intensiven Blick. Ihr Besitzer hatte sie für zwei Wochen bei mir gelassen — Urlaub auf Fuerteventura, ganz entspannt für ihn. Für mich weniger.
Ich hab sie kurz gestreichelt, sie hat sich einen Moment hingesetzt, dann war sie wieder aufgestanden. Wieder der Flur. Wieder das Klacken.
Also hab ich Licht gemacht.
Und hab angefangen nachzudenken. Nicht über sie. Über die letzten Tage.
Ihr Besitzer hatte mir beim Übergeben noch schnell gesagt: „Sie ist ein bisschen sensibel, aber die gewöhnt sich schnell ein." Und dann war er weg. Keine weiteren Infos über ihre Routine. Keine Erwähnung, wann sie normalerweise ins Bett geht, was sie abends noch braucht, ob sie ein Abendritual hat.
Ich hatte sie behandelt wie alle anderen Hunde, die bei mir waren. Abendspaziergang gegen halb acht. Fressen. Wasser frisch. Korb zeigen. Schlafen gehen.
Fertig.
Nur — für Romy war das eben nicht fertig.
Ich hab mich an dem Abend auf den Boden gesetzt, Rücken gegen die Wand, und hab sie einfach beobachtet. Sie ist gekommen, hat kurz geschnüffelt, ist gegangen. Wiederholt. Es war keine Panik. Kein Winseln, keine Aggression, kein typisches Stresssignal, das ich sofort eingeordnet hätte. Es war einfach... Unruhe. Eine stille, hartnäckige Unruhe.
Und da ist mir was aufgegangen.
Ich kannte ihre Abendroutine nicht. Ich hatte nie gefragt. Ich hatte angenommen, dass meine Routine gut genug für sie ist.
Das war mein Fehler. Nicht ihrer.
Am nächsten Morgen hab ich ihrem Besitzer auf Fuerteventura eine Nachricht geschickt. Ein bisschen peinlich war mir das schon. Aber ich wollte wissen: Was macht Romy abends normalerweise? Gibt es irgendwas Bestimmtes?
Die Antwort kam eine Stunde später: „Ah ja, sorry — hätte ich sagen sollen. Sie bekommt abends immer noch einen kleinen Snack gegen halb zehn. Und dann schnauft meine Frau sie nochmal kurz durch die Wohnung, so ein zehnminütiger Abendrundgang. Danach schläft sie durch."
Das war's.
Ein kleiner Snack. Ein kurzer Gang durch die Wohnung.
Ich hab das an dem Abend ausprobiert. Snack um halb zehn — ein paar Leckerlis, nichts Großes. Dann hab ich die Leine genommen und bin nochmal kurz mit ihr durch den Block. Nicht weit. Zehn Minuten, ein bisschen Schnüffeln, ein bisschen Luft.
Wir kamen rein, sie hat getrunken, sich in ihren Korb gelegt.
Kein Klacken mehr. Die ganze Nacht.
Ich hab danach lange wach gelegen — aber nicht wegen ihr. Sondern wegen dem Gedanken, wie oft ich das wohl schon gemacht hab. Nicht gefragt. Angenommen. Meine Struktur über das gestülpt, was ein Hund eigentlich braucht.
Als Hundebetreuer kommt man schnell in eine Routine. Das ist gut — Routinen geben Sicherheit, sowohl für einen selbst als auch für die Hunde. Aber eine Routine kann auch blind machen. Man glaubt, man weiß wie's geht. Und dann kommt ein Hund wie Romy — still, unauffällig, ohne Drama — und zeigt einem, dass man eigentlich gar nicht hingeschaut hat.
Was ich seitdem immer mache, bei jedem neuen Hund: Ich frag die Besitzer nach der Abendroutine. Nicht nach dem Futter, nicht nach der Impfdoku — die hab ich eh. Sondern: Was braucht dein Hund, um zur Ruhe zu kommen? Was ist das letzte Ritual vor dem Schlafen?
Die meisten Besitzer schauen mich dann kurz überrascht an. Als ob das eine komische Frage wäre. Aber dann erzählen fast alle was. Und es ist jedes Mal anders.
Der eine Hund braucht sein Spielzeug in Reichweite. Der andere will, dass sein Körbchen in einer bestimmten Ecke steht. Ein dritter ist ruhig, wenn man abends das Licht langsam runterdimmt statt einfach auszuknipsen.
Kleine Dinge. Aber für den Hund sind es keine kleinen Dinge.
Romy hat die beiden Wochen bei mir gut überstanden. Ihr Besitzer war überrascht, wie entspannt sie war, als er sie abgeholt hat. Ich hab nichts gesagt von den ersten vier Nächten. Manche Lektionen behält man besser für sich.
Aber gelernt hab ich trotzdem was.
Zuhören fängt nicht beim Sprechen an. Manchmal fängt es nachts an. Um zwei Uhr morgens. Mit dem Klacken von Krallen auf Parkett.
Wenn du merkst, dass dein Hund abends unruhig ist und du nicht weißt warum — schau mal auf sein Abendritual. Oft liegt die Lösung nicht im Training, sondern im Hinschauen. Auf rudelchef.de gibt es dazu einige richtig gute Beiträge, die mir selbst schon weiter geholfen haben: [rudelchef.de]