Der Hund, der immer gegen die Leine zog — und mir gezeigt hat, dass ich selbst nicht wusste, wohin ich wollte

21. April 2026 · Rudelchef
Der Hund, der immer gegen die Leine zog — und mir gezeigt hat, dass ich selbst nicht wusste, wohin ich wollte
Foto: Nastya Korenkova / Pexels

Es war ein Dienstagmorgen, so gegen halb acht. Ich stehe vor meiner Tür, Kaffeebecher in der Hand, noch nicht richtig wach. Und Baxter — ein fünfjähriger Rhodesian Ridgeback, der aussieht als wäre er aus rotem Sand gemeißelt — reißt mir die Leine fast aus der Hand, bevor wir überhaupt das Gartentor erreicht haben.

Ich dachte: okay, der braucht halt viel Auslauf. Manche Hunde sind so. Wir gehen einfach schneller.

Spoiler: Das war die falsche Antwort.

Baxters Besitzerin hatte mich vorgewarnt. „Er zieht ein bisschen", hatte sie gesagt. Ein bisschen. Ja. Ich hab schon Traktoren mit weniger Zugkraft gesehen. Dieser Hund hat mich an jedem Spaziergang förmlich durch die Straßen geschleift, als hätte er einen Termin, den er auf gar keinen Fall verpassen darf. Und ich hinterher, Kaffee längst verschüttet, komplett außer Atem.

Die ersten drei Tage hab ich es einfach mitgemacht. Hab mitgezogen, angehalten, kurz gewartet, wieder losgelaufen. Die klassische Methode. Die kennt ihr alle. Hund zieht, du stoppst, Hund schaut dich an, ihr lauft weiter. Klappt super — bei manchen Hunden. Bei Baxter hab ich gemerkt, dass ich das schon hundertmal gemacht hab und wir immer noch aussehen wie ein Mensch, der von einem kleinen braunen Panzer spazieren geführt wird.

Also hab ich angefangen, genauer hinzuschauen. Nicht auf Baxter. Auf mich.

Und da war es. Ich hab nämlich gemerkt, dass ich selbst auf diesen Spaziergängen komplett in meinen Gedanken war. Telefon in der Hand, Gedanken beim nächsten Termin, beim Einkaufszettel, bei irgendwas. Ich war körperlich dabei, aber mental irgendwo anders. Und Baxter? Der hat das gespürt. Natürlich hat er das gespürt. Diese Hunde sind keine Maschinen. Die lesen uns wie offene Bücher.

Ich hab an dem Donnerstag — es war so ein typischer Apriltag, halb wolkig, halb sonnig, leichter Wind — mal bewusst das Handy zu Hause gelassen. Keine Podcasts, keine Musik, nichts. Nur ich, Baxter und die Straße. Und ich hab angefangen, wirklich präsent zu sein. Habe die Leine locker gehalten, meine Schultern entspannt, mein Tempo selbst bestimmt. Ruhig, aber bestimmt.

Und wisst ihr was? Baxter hat nach ungefähr zehn Minuten aufgehört zu ziehen.

Nicht komplett. Nicht sofort. Aber er hat angefangen, mich anzuschauen. Kurz, so ein schneller Seitenblick. Als würde er fragen: „Hey, bist du heute wirklich dabei?" Und ich war. Und das hat er gemerkt.

Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen nach Esoterik, ich weiß. Aber es ist wirklich das, was passiert ist. Hunde ziehen an der Leine, weil da niemand ist, dem sie folgen wollen. Wenn der Mensch am anderen Ende der Leine nicht weiß, wo er hinwill — warum sollte der Hund dann warten?

Ich hab das in den nächsten Tagen weiter beobachtet. An Tagen, wo ich gestresst war, viel im Kopf hatte, wollte Baxter vorwärts. An Tagen, wo ich ruhig und präsent war, lief er neben mir. Nicht immer perfekt. Nicht wie im Lehrbuch. Aber er hat mir signalisiert: „Jetzt bist du da. Jetzt folge ich dir."

Das ist so eine Erkenntnis, die ich nicht in einem Hundebuch gelesen hab. Die hab ich von einem Ridgeback aus dem Ruhrgebiet gelernt, der mich an einem Aprilmorgen durch die Straßen gezogen hat.

Was ich euch als konkreten Tipp mitgeben kann: Wenn euer Hund zieht, macht mal eine Woche lang folgendes. Handy weg. Wirklich weg. Und bevor ihr losgeht, atmet einmal tief durch. Schultern runter. Leine locker. Und dann geht ihr los — ihr, nicht der Hund.

Ich verspreche euch nicht, dass es sofort funktioniert. Baxter hat auch drei Tage gebraucht, bis der Unterschied wirklich spürbar war. Aber es hat sich verändert. Und ich hab mich dabei auch verändert.

Manchmal ist der beste Hundetrainer kein Mensch. Manchmal ist es ein roter Hund, der einfach nur wissen will, ob du heute wirklich da bist.

Falls ihr tiefer einsteigen wollt, wie Hunde auf unsere Körpersprache und innere Haltung reagieren — auf rudelchef.de gibt es dazu richtig gutes Material. Kein Hokuspokus, sondern praxisnahe Erklärungen, die ich selbst hilfreich finde. 🐾

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